Der Internationale Preis für den arabischen Roman

Der Internationale Preis für den arabischen Raum (The International Prize for Arabic Fiction) ist die wichtigste Auszeichnung, die ein Autor in der arabischen Welt für sein Werk erhalten kann. Damit bekommt er die Chance, dass sein Werk ins Englische übersetzt wird. Diese Auszeichnung kommt von der The Booker Prize Foundation in London, die 2002 gegründet wurde. Der International Prize for Arabic Fiction (IPAF) wurde zum ersten Mal 2007 vergeben, und jedes Jahr wird eine neue Jury gewählt, die den Sieger für den IPAF auswählt. Dieses Jahr feierte der Preis seinen 10.Geburtstag.

 

Die Jury besteht vor allem aus Kritiker, aber auch Autoren und Akademiker aus der arabischen und der sonstigen Welt. Um den internationalen Bezug zu wahren, ist immer einer im Gremium, der nicht aus der arabischen Welt kommt. Die Jury trifft sich drei Mal bevor ein Sieger ausgewählt wird. Beim ersten Mal wird eine Liste von 16 Autoren erstellt, die später auf sechs Autoren zusammengestrichen wird. Der Gewinner erhält nicht nur eine gewisse Summe, sondern wie bereits gesagt wird auch gewährleistet, dass sein Werk ins Englische übersetzt wird und es so einem breiten Publikum zugänglich gemacht wird. Die Behörde für Kultur und Tourismus in Abu Dhabi finanziert und organisiert die Preisvergabe.

Der erste Autor, der den IPAF Preis im Jahre 2008 erhalten hat, war der ägyptische Autor und Übersetzer Bahaa Taher. Er studierte Literatur an der Universität

Kairo, und arbeitete später für das Radio. 1964 veröffentlichte erseine erste Kurzgeschichte. 1975 erhielt er Schreibverbot und verließ darum 1981 das Land. Er arbeitete 14 Jahre in der Schweiz für die UN als Übersetzer und veröffentlichte seine ersten Romane.

Der Guardian bezeichnete ihn, als einen der „meist respektierten Autoren in der arabischen Welt.“ Sein Buch, Wahat al-Ghurub (Die Oase) wurde von Regina Karachouli ins Deutsche übersetzt. Die Handlung spielt im 19. Jahrhundert und in einer der bekanntesten Oasen Ägyptens, in Siwa. Im Klappentext vom Unionsverlag heißt es:

„Das 19. Jahrhundert neigt sich dem Ende zu, als der politisch in Ungnade gefallene Machmud Abdel Sahir von Kairo in die abgelegene und gefährliche Oase Siwa nahe der libyschen Grenze versetzt wird. Er weiß, dass zwei seiner Vorgänger ermordet wurden. Aber weiß er auch wirklich, was ihn erwartet? Siwa ist eine eigene Welt mit ureigenen Gesetzen. Auf Schritt und Tritt erwacht die Geschichte: das Orakel von Alexander dem Großen, das Bad der Kleopatra, der hartnäckige Widerstand der berberischen Einwohner gegen alle Eindringlinge. In Siwa gerät Machmud zwischen die Fronten der sich untereinander bekriegenden Einwohner. Als die Kluft zwischen Besetzer und Besetzten, Frau und Mann, Traum und Realität immer weiter wird, erreichen die Spannungen ihren Höhepunkt.“

Der Roman wurde auch als TV-Serie von Kamel Abu-Zekhary verfilmt.

Im darauffolgenden Jahr, wurde ein weiterer Ägypter, Youssef Ziedan, mit seinem historischen Roman Azazeel zum Gewinner gekürt. Der Roman gilt als ein „Skandalroman“ und ist auch von Larissa Bender ins Deutsche übersetzt im Verlag Luchterhand, 2011 erschienen. Youssef Ziedan’s Roman wurde in 16 weiteren Sprachen veröffentlicht darunter auch Türkisch und Griechisch. Andreas Pflitsch berichtet über den Roman hier.

Pflitsch schreibt: „Youssef Ziedan hat sich in seinem 2008 in Kairo erschienenen, 2009 mit dem renommierten arabischen Booker-Preis ausgezeichneten Roman „Azazel“ die Konstruktion zunutze gemacht, um einen historischen Roman über eine kirchenpolitisch bewegte Epoche zu schreiben. Der Erzähler Hypa ist ein ständig mit sich ringender Suchender, der von „Azazel“, dem Versucher, der einst mit seinen Einflüsterungen Adam verführt und für dessen Vertreibung aus dem Paradies gesorgt hatte, bedrängt wird, „alles aufzuschreiben, was ich in meinem Leben geschaut“.

Dies sind die weiteren Gewinner mit den englischen Titeln ihrer pereisgekrönten Bücher:

2010: Abdo Khan ; Throwing Sparks, Dieses Buch wurde von Maia Tabet und Michael K. Scott übersetzt und ist im Bloomsbury Qatar Foundation Publishing erschienen.

2011: Raja Alem, The Dove’s Necklace, übersetzt von Katharine Halls und Adam Talib, The Overlook Press
Mohammed Achaari, The Arch and the Butterfly übersetzt von Aida Bamia, Bloomsbury

2012: Rabee Jaber, The Druze of Belgrade, übersetzt von William Hutchins

2013: Saud Alsanousi: The Bamboo Stalk übersetzt von Jonathan Wright, Jonathan Wright hat im Gegenzug für seine Übersetzung ebenfalls drei Jahre später einen Preis erhalten.

2014: Ahmed Saadawi, Frankenstein in Baghdad, die Übersetzung erscheint nächstes Jahr und es ist auch eine Verfilmung des Werkes geplant.

2015: Shukri Mabkhout, The Italian, Wer mehr über diesen Roman erfahren will, dem sei die Rezension von Günther Orth bei Qantara empfohlen.

2016: Rabai al-Madhoun, Destinies: Concerto of the Holocaust and the Nakba
Der palestinensische Autor Rabai al-Madhoun war bereits 2010 Kandidat. Wer mehr über den Autor erfahren wird, der kann hier weiter lesen.

2017: Mohammed Hasan Alwan, A Small Death

Die Liste von 2017 enthielt auch Autoren wie z.B. den irakische Autor Sinan Antoon, und den Libanesen Elias Khoury.

 

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The Library of Arabic Literature – arabische Werke in neuer Übersetzung

Die neue Serie, The Library of Arabic Literature, die von der New York University Press herausgegeben wird, veröffentlicht bekannte und weniger bekannte arabische Werke in englischer Übersetzung. Diese Serie wurde 2012 mit Classical Arabic Literature: A Library of Arabic Literature Anthology, übersetzt und ausgewählt von Geert Jan van Gelder, eingeleitet.

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Die Library of Arabic Literature Series hat bereits Preise für ihre Veröffentlichungen erhalten. So erhielt z.B. Michael Cooperson den „Sheikh Hamad Award for Translation and International Understanding“ für seine Übersetzung von Virtues of the Imam Ahmad ibn Hanbal von Ibin al-Jawzi. Das Spektrum dieser „Bibliothek“ ist weit gefächert und umfasst Werke aus vorislamischer Zeit bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts, und enthält Genres wie Poesie, Gedichtsammlungen, Religion, Philosophie, Recht, Wissenschaft, Geschichte und andere. Die Serie ist dadurch gekennzeichnet, dass die Texte sowohl zweisprachig, mit dem arabischen Original und der Übersetzung als auch nur in Übersetzung veröffentlicht werden.
71837vCT-LLEines der jüngsten Veröffentlichungen ist Scents and Flavors: A Syrian Cookbook, das von Charles Perry übersetzt wurde. In der Einleitung schreibt Perry, der bereits einige mittelalterliche Kochbücher vom Arabischen ins Englische übersetzt hat: “Cookbooks are commonplace today, but they are a late development in world literature. In antiquity we find only three Babylonian clay tablets and a single Roman cookbook compiled in the second century; after that, nothing more for the next 800 years. Then there was a sudden explosion of cookbooks in Arabic. From the tenth through the thirteenth centuries, Arabic speakers were, so far as we know, the only people in the world who were writing cookbooks.” Dieses Kochbuch aus dem Syrien des 13. Jahrhunderts enthält 635 Rezepte, und lädt dazu ein diese Rezepte selbst auszuprobieren. Dieses Buch war nach dem englischen Blog der Arabic Literature ein Bestseller. Der Übersetzer Charles Perry hat bereits A Baghdad Cookery Book: The Book of Dishes veröffentlicht. Der Herausgeber der Serie, Shawkat Toorawa, sagt in dem Blog, dass der Übersetzer und andere jedes Rezept ausprobiert haben, um sicher zu gehen, dass man diese auch wirklich erfolgreich zubereiten kann.

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Des Weiteren wurde in diesem Jahr al-Jahiz: In Praise of Books von Ibn Qutaybah: The Excellence of the Arabs herausgegeben, das von Sarah Bowen Savent und Peter Webb übersetzt wurde. In der Einleitung heißt es: “The book’s purpose is to extol the virtues of the Arabs to explain their preeminence among all peoples of the world. Such ideas about Arab identity and the merits of the Arab people were very much at the center of third/ninth-century political, social, and intellectual concerns.”

Die bisher umfangreichste und komplexeste Übersetzung in der Serie ist das vierbändige Opus von Ahmed Faris al-Shidyaq (1805-1887). Er wurde im Libanon geboren, lebte aber in Tunesien, Ägypten und der Türkei. Leg over Leg erzählt die Geschichte des Autors in abgewandelter und fiktiver Form. Er ist eine wichtige in Figur der arabischen Literatur und gilt als “Vater des arabischen Journalismus”.

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Der Übersetzer, Humphrey Davies ist bereits durch etliche Übersetzungen bekannt Er hat nicht nur klassische Werke ins Englische übersetzt, sondern auch Autoren wie Elias Khoury, Naguib Mahfouz und Alaa Al-Aswany übersetzt. Zu dem Werk heißt es: “Akin to Sterne and Rabelais in his satirical outlook and technical inventiveness, al-Shidyaq produced in Leg over Leg a work that is unique and unclassifiable.” Es gibt bereits etliche Forschungen und Interpretationsversuche zu diesem Werk.

Eine kommende Veröffentlichung wird ein Werk arabischer Satire von Hmedan al-Shwe’ir sein, welches von Marcel Kurpershoek übersetzt wurde. al-Shwe’ir war ein Dichter des 18.Jahrhunderts. 41LWnSwx8ML._SX332_BO1,204,203,200_

Die Library of Arabic Literature ist eine wichtige Serie, welches bekannte und weniger bekannte arabische Werke dem breiten Publikum zugänglich macht,  die vorher auf diese Art und Weise nicht veröffentlicht worden sind, und sie präsentiert eine weitere Art von Kulturaustausch durch die Übersetzung wichtiger arabischer Werke.

Basiswissen Arabische Dichtung: Kristina Stock

Al-Mutanabbi, eines der “wahrscheinlich meistzitierten klassischen arabischen Dichter” ist zu seinen Lebzeiten viel herumgekommen. Von seinem Heimatort Kufa ging er nach Syrien, wo er eine Zeit lang in Aleppo für einen einflussreichen Fürsten arbeitete, später nach Damaskus und schließlich nach Kairo wo er für den damaligen Herrscher Lobgedichte verfasste.

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Den Dichtern wird in der arabischen Kultur eine enorme Wichtigkeit zugeschrieben, die nicht nur Liebesgedichte verfassten, sondern auch politische und religiöse Themen ansprachen. Al-Mutanabbis Gedichte brachten ihn, wie die modernen Dichter auch in Bredouille, und er musste für einige Zeit ins Gefängnis. In der Gegenwart wurde z.B. der sudanenische Aktivist und Lehrer Majoub Scharif (1948-2014) wegen seiner regierungskritischen Dichtung oft inhaftiert. Ein berühmter Vers von Al-Mutanabbi lautet wie folgt:

All wissen’s, wer ich bin: Nacht, Wüste und Pferd.
Gleichwohl Pergament und Rohrfeder, Lanze und Schwert.

Mit diesem Vers wird all das zusammengefasst, was für den Dichter wichtig war, Mut und Geschicklichkeit mit dem Schwert, sowie die kulturelle Tradition der Araber. In seinen Gedichten werden oft altarabische Traditionen und beduinische Ideale gepriesen und geographische und philosophische Betrachtungen angestellt. Er gilt als einer der wichtigsten klassischen arabischen Dichter, und er wird auf verschiedenste Art künstlerisch jüngeren Generationen näher gebracht.

Dichtung hat vor allem auch Einfluss auf die Musik, und viele moderne Musiker benutzen das große Archiv der arabischen klassischen sowie modernen Dichtung und verknüpfen sie mit ihrer Musik. So hat z.B. die berühmte algerische Sängerin Souad Massi in ihrem Album El Mutakallimun verschiedene Gedichte versammelt, unter anderem auch von Al-Mutanabbi. In einem Interview zu ihrem letzten Album sagte Sie:

El Mutakallimun – das heißt auf Deutsch so viel wie „die Gelehrten der Debatte“ Dieses Album ist eine Hommage an die liberalen Geistesgrößen, die es in der arabischen Kultur immer gegeben hat. Menschen wie der irakische Dichter Al Mutanabbi zum Beispiel. In seiner Poesie geht es um den Wert der Freiheit, um die Ablehnung von Diktatur und Unterdrückung. Deswegen ist mir seine Botschaft so wichtig und deshalb wollte ich sie unbedingt vertonen.

Das Lied Bima El’Taaloul ist ein Gedicht von Al-Mutanabbi und spiegelt die wichtige Rolle der arabischen Dichtung in der Musik wider, die auch in dem Buch beschrieben wird.

Ein weiteres Beispiel ist der ägyptische Dichter Ahmed Fouad Negm (1929-2013), der mit Scheich Imam Eissa zusammengearbeitet und seine Gedichte vertont hat. Spätere Generationen haben sich ein Beispiel an dieser Zusammenarbeit genommen und die Gedichte weiterverarbeitet. So hat z.B. mittlerweile eine der erfolgreichsten ägyptischen Bands Cairokee ein Gedicht von ihm vertont, das auf ihrem dritten Album kurz nach Negms Tod veröffentlicht wurde. El Khatt Dah Khatty handelt ursprünglich von Palästina. Eines der Bandmitglieder erinnert sich an das Treffen mit Negm, bei dem sie ihm das Lied spielten. Nachdem er sich das Lied angehört hatte, soll er gesagt haben, dass es sich so angefühlt habe, als hörte er dieses Gedicht zum ersten Mal.

https://www.youtube.com/watch?v=9zXOA3J7JV4

In diesem Buch werden Formen, Inhalte und Strukturen  der arabischen Dichtung mit verschiedenen Übersetzungsbeispielen näher erläutert. Am Ende jedes Abschnitts stehen Kontrollfragen, um das Wissen zu prüfen. Im Anhang finden sich eine Liste von modernen arabischen Dichtern, nach Ländern sortiert, und Literaturempfehlungen. So ist die Dichtung auch heutzutage noch eine überaus geschätzte Kunst und immer noch wichtig für die arabische Kultur.

Basiswissen Arabische Dichtung von Kristina Stock ist im Verlag Edition Hamouda, 2016 erschienen.

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Freedom Hospital von Hamid Sulaiman

In den letzten Tagen ist in der Berliner Galerie Crone eine eher außergewöhnliche Ausstellung zu sehen.Hamid Sulaiman präsentiert mit seinen Bildern sein neues Buch Freedom Hospital, das vom Krieg in Syrien handelt, zwar auf fiktiver Ebene, doch mit realen Einflüssen.

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Es gibt verschiedene Methoden, sich mit dem Krieg auseinanderzusetzen, einige verarbeiten ihre Erlebnisse mit Musik, wie z.B. Khebez Dawle (Brot des Staates), deren Mitglieder zur Zeit in Berlin wohnen, andere schreiben Geschichten nieder. Hamid Sulaiman hat die Form eines Graphic Novel verwendet, welches zwar im herkömmlichen Sinne ein Comic ist, aber eher ein Comic für Erwachsene als für Kinder.

Hamid Sulaiman hat in Freedom Hospital, das zunächst auf Französisch erschienen ist, zwar das Elend des Krieges aufgezeichnet, hat aber seine Hoffnung nicht aufgegeben, dass auch wieder bessere Zeiten kommen werden. Er hat diesen grafischen Roman zwar hauptsächlich für Europäer geschrieben, um den Konflikt auf andere Art und Weise darzustellen, aber er hat auch von seinen Freunden eine positive Resonanz erhalten, was ihn sehr stolz gemacht hat. freedom_hospital-extrait_Seite_05

Freedom Hospital ist ein fiktiver Ort, der wahrscheinlich reale Züge enthält. Die zentrale Person der Geschichte ist die syrische Aktivistin Yasmine, die das Krankenhaus gebaut hat, und in dem Ärzte heimlich verletzte Rebellen pflegen, die in anderen Krankenhäusern unter staatlicher Kontrolle wohl den Tod gefunden hätten. Es kommen verschiedene Gruppen in diesem Roman vor, die eine Rolle im Syrienkonflikt spielen, von Rebellen bis zu Assads-Schergen und IS-Kämpfern.

In einem Interview mit der Zeit erzählt der Autor, dass in Syrien oft Orte und öffentliche Gebäude nach der Assad-Familie und der Baath-Partei benannt wurden. Dies änderte sich mit der Revolution, und oft wurde “Freiheit” für die Neubennung verwendet. Daher sieht der Autor den Titel Freedom Hospital als Metapher, als Hoffnung dafür, dass Syrien bald frei ist, und somit das Flüchten und Sterben aufhört. Der Roman enthält auf 280 Seiten ungefähr 1120 Zeichnungen, nicht in Farbe, sondern schwarz-weiß. Jedes Kapitel ist nach den Jahreszeiten benannt. Das letzte Kapitel heißt wieder „Frühling“, da der Autor die Hoffnung nicht aufgibt und die Geschichte nicht mit einem düsteren Schluss enden lassen will.

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Hamid Sulaiman ist 1986 in Damaskus geboren, hat Architektur und bildene Kunst studiert. Nachdem er 2011 an der Revolution teilgenohmen hatte, flüchtete er zuerst nach Deutschland, später nach Frankreich, da er sich als Künstler in Frankreich besser aufgehoben fühlt und die Kultur des Comics dort stärker ausgeprägt ist. Seit 2011 arbeitete er an diesem grafischen Roman. Basierend auf realen Erzählungen, Nachrichten und Youtubeausschnitten erzählt er seine Geschichte. Einer seiner Freunde wurde während der Revolution gefangen genommen und gefoltert, konnte nicht flüchten und starb durch die Folter. Dieses Buch ist ihm gewidmet. In einem Interview mit der „Zeit“ (Zeitmagazin 24. Mai 2016) sagt Hamid Sulaiman:

Objektiv betrachtet ist alles schlecht um mich herum. Krieg, Flucht, Leid überall. Um zu überleben, muss ich aber optimistisch sein. Das berühmte Licht am Ende des Tunnels, ich kann es manchmal sehen, und die Geschichte macht mir Hoffnung. Denn jeder Krieg, egal wie lange er dauerte oder wie brutal er war, ging irgendwann zu Ende.

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Gegenwärtig liegt das Buch auf Französisch in den Editions ça et là vor und soll im nächsten Frühjahr auch auf Deutsch erscheinen.

Die Galerie Crone, Rudi-Dutschke-Str. 26, 10969 Berlin, zeigt noch bis zum 18. Juni in der Ausstellung „Freedom Hospital“ Bilder aus dem Roman

Mashrou‘ Leila: Eine Band aus Beirut in Berlin

Zum ersten Mal gab die arabische Band Mashrou’ Leila Konzerte in Deutschland. Die Band, die sich nicht scheut, von sensiblen Themen zu singen, die andere Musiker in dieser Form nicht aufgreifen würden, ist zur Zeit eine der erfolgreichsten Indie Bands aus dem Libanon.

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Im April wurde der Band verboten, in Amman bei einem bereits geplanten Konzert aufzutreten, da die Band nicht den religiösen und moralischen Werten des Landes entspräche, und das, obwohl Jordanien als eines der liberalsten arabischen Länder gilt.

Beide Konzerte in Berlin und Frankfurt waren ausverkauft und somit ein voller Erfolg für Mashrou’ Leila. In Berlin spielte sie knapp zwei Stunden lang nicht nur neues Material von ihrem Album Ibn El Leila (Sohn der Nacht), sondern auch ältere Lieder. Die Atmosphäre war wie eine große Party unter Freunden.

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In Local Music Scenes and Globalization: Transnational Platforms in Beirut von Thomas Burkhalter, dem Herausgeber der Online Seite NOrient, beschreibt dieser die Musikszene Beiruts und deren lokale Entwicklung im weiteren globalen Zusammenhang. Die Mitglieder von Mashrou’ Leila (Nächtliches Projekt) kommen alle aus dem Libanon und damit aus dem politischen und kulturellen Kontext, den Burkhalter in seinem Buch beschreibt. Die Mitglieder Hamed Sinno, Ibrahim Badr, Carl Gerges, Haig Papazian und Fiars Abou Fakher haben sich an der Amerikanischen Universität in Beirut kennengelernt. Alle studierten sie Ingenieurwesen, Design oder andere Studiengänge. Ab 2008 fingen sie an, gemeinsam Musik zu machen, und sie merkten schnell, dass sie ihr Hobby auf professioneller Ebene fortsetzen wollten.

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So brachten Sie im November 2015 mittlerweile ihr viertes Album heraus, welches sie Ibn El Leil (Sohn der Nacht) nannten und das sich deutlich durch den elektrischen Sound und der poppigen Musik von den füheren drei Alben unterscheidet.

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Sie haben das Album im Studio La Frette in Frankreich aufgenommen,. Der Sänger, Hamed Sinno gab zwar zu, dass es natürlich einige gute Studios im Libanon gebe, aber dass es für die Band einfacher gewesen sei, im Ausland zu produzieren. Bereits ihr drittes Album Rasoouk haben sie in Kanada aufgenommen.

Sie werden mittlerweile mit Bands wie Radiohead, Wild Beasts und Arctic Monkeys verglichen. Trotzdem hören sie sich anders an und bringen eine eigene Klangfarbe in ihre Lieder. Ihre Musik ist nicht unbedingt orientalisch, und die Band möchte sich selber auch nicht als orientalisch bezeichen. Sie schreibt Musik über das, „was sie denkt, und es geht dabei nicht darum, dass sich die Musik orientalisch oder europäisch anhört.” Die Band bezieht ihre Inspiration aus einer Vielzahl unterschiedlicher Musikgenres und will sich nicht in eine spezifische Nische stellen lassen. Sie will vielmehr als Indie Band bezeichnet werden und nicht als eine Band, die Weltmusik spielt.

https://www.youtube.com/watch?v=wCSpHq7Qknw

Ihr Erfolg hat aber auch eine andere Seite: Wegen ihrer Haltung zu politischen, gesellschaftlichen und sozialen Themen werden sie besonders in der arabischen Welt sehr kritisiert. In sozialen Netzwerken wurden sie schon mehrfach wegen ihrer Lieder und ihrer sexuellen Orientierung angegriffen, wobei sie aber andererseits auch eine Menge Unterstützung erhielten, besonders  nach dem Vorfall in Amman.

Sie wollen so lange Musik machen wie sie können, und dabei ist das Wichtigste, dass sie ihre Identität bewahren und gegenüber sich und ihrem Publikum ehrlich bleiben. Daher zögeren sie bisher, bei einer der großen Plattenfirmen zu unterschreiben. Die Erfahrung hat nämlich gezeigt, dass die bestehenden arabischen Plattenfirmen stets auf direkte oder indirekte Weise auf die Musik, Produktion oder das Marketing Einfluss nehmen wollen. Dies ist einer der Gründe, warum Mashrou’ Leila bisher ihre Alben mit anderen Mitteln finanziert haben – z.B. das dritte Album durch Crowdfunding. #Occupyarabpop, womit sie einen alternativen Weg zur Finanzierung unabhängiger Musik entwickeln will.

Zwei Bücher beschäftigen sich mit der indie/underground Szene im Libanon, dem Heimatland von Mashrou Leila. Zum einen ist das oben genannte Werk Local Music Scenes and Globalization: Transnational Platforms in Beirut. von Thomas Burkhalter (Taylor and Francis, 2014) sowie Untitled Tracks: On Alternative Music in Beirut. Herausgegeben von Ziad Nawfal und Ghalya Saadawi (Amers Edition 2009). Außerdem wurde vor einiger Zeit eine Dokumentation über die underground Szene in der arabischen Welt veröffentlicht: Yallah Underground von Farid Eslam (Istanbul United!).

https://www.youtube.com/watch?v=sx5AC9jy6cE

Mashrou Leila spielt am 6.Oktober wieder in Berlin – dieses Mal im Astra. Wer die Band live sehen und hören möchte, sollte sich früh um Karten kümmern. Die Konzerte in Berlin und Frankfurt waren schnell ausverkauft.

Islamisches Recht – Ein Lehrbuch

In seiner Einführung zum Islamischen Recht schrieb Joseph Schacht (1902-1969), dass man den Islam nicht verstehen könne, ohne das islamische Recht zu verstehen, da er dies als “den Kern des Islam” charakterisierte.  Joseph Schacht war zwar selber nicht an der Universität Leipzig, jedoch war er stark von der Leipziger Schule beeinflusst. Die Leipziger Schule umfasste zum Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts eine Reihe von Gelehrten, die sich intensiv mit dem islamischen Recht befassten und erstmalig grundlegende Werke zu diesem Gebiet veröffentlichten.

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Joseph Schacht

Als Gotthelf Bergsträßer (1886-1933) an der Universität Leipzig Philosophie, Sprachwissenschaft und semitische Philologie studierte, war ihm wahrscheinlich nicht bewusst, dass er etwa 100 Jahre später als eines der wichtigstens Orientalisten der Gegenwart angesehen werden sollte. Neben der Veröffentlichung zu verschiedenen hebräischen, arabischen und aramäischen Themen veröffentlichte er ebenso Werke über den Koran, und nach seinem Tod wurden mit Hilfe von Joseph Schacht Die Gründzüge des Islamischen Rechts im Jahre 1935 veröffentlicht.

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Nun schreiben wir das Jahr 2016, knapp 81 Jahre später stellten Hans-Georg Ebert, Julia Heilen und der Verleger Faycal Hamouda am 20.April 2016 das neue Buch Islamisches Recht – Ein Lehrbuch vor.

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Was ist die Scharia? Was ist Jihad? Was sind die Unterschiede zwischen den verschiedenen Rechtsschulen? Wie sehen islamische Staatskonzeptionen aus? Wie hat sich das islamische Recht in der Moderne weiter entwickelt? Dies sind nur einige Fragen mit denen sich dieses Buch beschäftigt und mit gleichermaßen westlicher und arabischer Literatur zu beantworten versucht.

Islamisches Recht – Ein Lehrbuch ist nicht nur für Studierende von Interesse, sondern richtet sich vor allem an ein breites Publikum. Dieses Werk richtet sich an Muslime und Nicht-Muslime gleichermaßen und kann durch seine religionsneutrale Sichtweise von jedem verwendet werden.

 

Aus dem Inhalt:

– Grundlagen und Grundbegriffe des Islamischen Rechts

– Historische Herausbildung des Islamischen Rechts

– Islamische Rechtsquellenlehre

– Gelehrte und Institutionen des Islamischen Rechts

– Islamische Staatskonzeptionen

– Gottesdienstliche Handlungen

– Rechtsgebiete jenseits des Ritualrechts

– Islamisches Recht im Alltag

– Islamisches Recht in der Moderne

 

 

 

 

 

 

 

10 Jahre Edition Hamouda 2006-2016

Eine Lesung mit Elmar Schenkel und Faycal Hamouda

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Am 19.April 2016 feierte der Verlag Edition Hamouda in der Buchhandlung Lehmanns in Leipzig sein 10 jähriges Bestehen. Elmar Schenkel, Autor und Professor für Englische Literatur und der Verleger Faycal Hamouda unterhielten sich über aktuelle Veröffentlichungen des Verlages und das Verständnis von “Kulturdialog”.

Auf der Homepage des Verlages Edition Hamouda werden die Ziele des Verlages erklärt und wie folgt definiert:

Die Edition Hamouda wurde im Januar 2006 mit dem Ziel gegründet, einen Beitrag zum Kulturdialog zu leisten. Er ist einerseits eine Brücke zwischen zwei Kulturkreisen, die es zu bauen, und andererseits der Dialog innerhalb eines Kulturkreises, den es zu vertiefen gilt.

Dieser Beitrag soll zeigen, wie es der Verlag in 10 Jahren geschafft hat, dieses Ziel  auf unkonventionelle Art und Weise zu verwirklichen.

An einem Dienstag Abend versammelte sich eine kleine Gruppe von Interessierten nach Ladenschluss in der Buchhandlung Lehmanns, um den Geburtstag des Verlages Edition Hamouda zu feiern. Der Verlag besteht seit 2006 in Leipzig und hat seitdem, nur seinem Ziel des Kulturdialogs verpflichtet, ein breites Spektrum von Belletristik einschließlich Kinderbüchern bis zu Sach-, Fach- und Lehrbüchern veröffentlicht. Damit ordnet er das Verlagsprogramm den Idealen des Verlegers, einer gegenseitigen Verständigung der Kulturen, unter. Eine Besonderheit ist, dass nicht nur Bücher unterschiedlichster Art verlegt und Themen angeschnitten werden, die bei anderen Verlagen mit dieser Intensität nicht zu finden sind, sondern er motiviert auch junge, begeisterte Menschen selbst aktiv zu werden und eigene Ideen beizusteuern sowie zu veröffentlichen.

Elmar Schenkel, der selbst schon mehrfach Bücher im Verlag veröffentlicht hat, sprach sehr bald dieses Thema an und erwähnte die gute Zusammenarbeit des Verlags mit der Universität Leipzig. So sind nicht nur Fach- und Lehrbücher in Zusammenarbeit mit dem Orientalischen Institut der Universität Leipzig veröffentlicht worden, wie seit neustem Islamisches Recht – Ein Lehrbuch von Hans-Georg Ebert und Julia Heilen, sondern auch die Germanistik und andere verwandte Fächer arbeiteten mit dem Verlag erfolgreich zusammen. So entstand z.B. durch eine Projektarbeit von Studenten am Institut für Anglistik der Sammelband Britische Orientbilder, in dem über britische Archäologen, Reisende, Regisseure und Autoren erzählt und deren Sichtweise auf den Orient beschrieben wird.

Ein weiteres Projekt, welches der Verleger initiiert hat, ist die Zeitschrift Liaisons. Mit dieser Zeitschrift gibt der Verleger jungen Autoren und Studenten die Möglichkeit, auf kreative Art und Weise, ihre Ideen zu veröffentlichen und diese einem breiten Publikum vorzustellen.

Die aktuelle Ausgabe der Liaisons:

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Heft gleich herunterladen

Aus finanziellen Gründen ist sie zwar nur noch in elektronischer Form verfügbar, aber sie hat es jungen Menschen ermöglicht, Beiträge zu veröffentlichen und erste Schritte im Bereich des Journalismus zu unternehmen. In der Regel ist es besonders im wissenschaftlichen Bereich notwendig, dass finanzielle Mittel von dritter Seite für solche Projekte zur Verfügung gestellt werden, aber der Verleger selber hat es aus Überzeugung und eigener Motivation selbst finanziert, denn seine Meinung ist:

Die Journalisten und Autoren von Morgen sind die Studenten von heute

Daher versucht er immer wieder, wenn er die Möglichkeit dazu hat, Interessierten eine Chance zu geben, etwas zu verwirklichen. Liaisons bedeutet im Französischen so etwas wie „Beziehungen“, und der Verlag hat sich immer wieder bemüht, Beziehungen zwischen unterschiedlichen Kulturen zu fördern und festigen. Die Förderung von Kulturbeziehungen ist eines der Hauptanliegen und der Kulturdialog ist somit fundamentaler Bestandteil des Verlages und eine Lebensaufgabe für den Verlag und den Verleger.

Dies spiegelt sich auch immer in seinen Veröffentlichungen wider. So wurden in seinen neuen Veröffentlichungen nicht nur persische Märchen neu erzählt und für die heutige Zeit so umgesetzt, dass sie auch für Kinder lesbar sind, sondern es werden auch immer wieder Aspekte aus dem sächsischen Raum aufgegriffen. So wurde vom Verleger selbst ein Buch über die Gartenlaube des Leipzigers Ernst Keil (1816-1878), der ebenfalls Verleger und Journalist war und sich für die Freiheit des Wortes und ein demokratisches Deutschland einsetzte, herausgegeben.

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Mit seinen Bemühungen, alte Texte neu zu bearbeiten, gibt er somit diesen eine Chance weiter zu existieren. So wurde eine neue Publikation aus seinem Katalog vorgestellt, dass von einem Zeitgenossen der Gebrüder Grimm stammt. Die gesammelten Märchen von Josef Haltrich (1822-1886) wurden in einem kleinen Band veröffentlicht. Josef Haltrich studierte an der Universität Leipzig Theologie, Philologie und Geschichte. Diese Märchen wurden an den heutigen Sprachgebrauch angepasst.

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Josef Haltrich

So hat es die Edition Hamouda seit 10 Jahren als kleiner Verlag geschafft, Bücher aus aller Welt nach Deutschland und Leipzig zu bringen und den Leser mit seinen Geschichten, Märchen und Romanen in eine andere Welt zu tragen. Es bleibt nun nur zu hoffen, dass der Verlag auch die nächsten 10 Jahren den Kulturdialog aus erster Hand mit der Veröffentlichung seiner Bücher  weiterverbreiten kann.